Einladung in einen seltsamen Park morphologischer Vor-Bilder *

 

Ein ungewöhnlicher Park inmitten der Hügellandschaften Mittelitaliens lädt uns ein, zwischen 1552 und 1580 von Vicino Orsini angelegt, dem damaligen Fürsten von Bomarzo. Jahr­hun­der­te vergessen und erst in unserer Zeit wieder­entdeckt. Ein „Park der Ungeheuer“ oder auch „Heiliger Wald“ genannt. Es ist ein Figurenpark, kurios, phantastisch, befremdlich, voller Rätsel und Bilder - der Frühsurrealismus der ita­li­eni­schen Manieristen. Eine Schildkröte etwa, riesengroß, auf der eine weibliche Gestalt thront, ein aufgerissenes Maul, in das man hi­nein­ge­hen kann, ein Riese, der einen anderen Menschen in der Mitte entzwei reißt, ein Elefant, der einen Soldaten im Rüssel trägt. Dazwischen ein schiefes Haus, ein Tempelchen und immer wieder Sexu­elles. Grotesk mutet das an, erschreckend, brutal, erhaben, ja über­mäch­tig und dabei zugleich harmlos lustig und verspielt. So gemischt geht es fort. Was soll uns das?

 

Gerade das „schräge Haus“ bringt viel in Gang. Es ist wirklich schräg, wie bei den sogenannten optischen Täuschungen, aber riesengroß, als wäre das ein Signal, als sei der ganze Figurenwald etwas Schräges, schräg gegen unsere Überzeugungen und Ge­wohn­hei­ten, gegen unsere selbstverständlichen Erwartungen. Die Sicht auf die Welt herum verrückt sich, wenn man in diesem Haus steht. Das sind nicht Figuren, wie sie überall herumstehen und bei denen man nicht mehr hinsieht. Genau damit fängt etwas an, mit einem Hinsehen, das uns an Gestaltungen und Umgestaltungen heranführt. Kaum zufällig begann auch Orsini an seinem „Wäldchen“ zu arbeiten, als er dem Krieg im Dienst des Papstes den Rücken kehrte, enttäuscht von Kirche, Po­litik, Militär und gezeichnet von erlebten Verkehrungen. In seinem Park scheint eine andere Macht am Werk zu sein. Sei­ne Ausgestaltung wurde ihm Widerstand und Lebenselixier.

Lassen wir einmal das Groteske und Komische auf uns wirken. Da ist der offene Rachen eines Riesenkopfes, wie eine Tür dargestellt, eine Menschenfresser-Tür. Wer kennt nicht offene Türen, die uns nicht mehr herauslassen, die „Menschenfresser“ sind. Dabei bringt uns die ursprüngliche Inschrift noch auf eine andere Fährte: „Lasset, die ihr eintretet, jeden Gedanken fahren“, heißt es über dem Tor in Anlehnung an die Divina Commedia. Als begäben wir uns in eine Welt jenseits des Denkens, nicht aber jenseits des Hoffens, wie Dante schrieb, in eine Welt der Bilder, der Träume und ihrer seltsamen Logik. Entgegen der ersten Erwartung  findet der Besucher im Inneren des Mauls einen einladenden Tisch vor, in Gestalt der Zunge.

Auffallend sind die vielen Tiere im Park, Tiere der Fabeln, voller Symbolik. Sind nicht viele Tiere wirklich fabelhafte Wesen, wenn wir sie uns nur genauer ansehen? Und wirken sie nicht fast menschlich? ‚Orsini‘ heißt im Italienischen ‚Bärchen‘. Auch Bären mit Orsinis Familienwappen finden sich hier. Da­zu immer wieder Krieger, die alle etwas daneben und miss­glückt scheinen. Waren das nur ungeschickte Künstler oder steckt mehr dahinter? Gestalten jenseits der üblichen Ideale? Verkehrte Ideale? Es sind komische Gestalten, ja, es geht um Gestalten, aber um Gestalten, die sich ins Un-Ge­heu­re verkehren können. Zum Erschaudern. Dann: Ein Elefant trägt einen ge­knickten Krieger. Kriegerisches und Fabelhaftes treffen aufein­ander. Verschlingendes wandelt sich in Bergendes und umgekehrt. Ungeheuerlich.

Dadurch fällt mit einem Male das Hergestellte unserer Wirklichkeit auf, als werde uns da ein Bild vor Augen gestellt, bei dem wir uns fragen sollen „Wozu?“. Als zeige uns etwas, dass die Welt unfertig ist, unvollendet, mit leichten, auch größeren Fehlern. Zugleich immer wieder Zweifel: Oder reichte das Können nicht, perfektere Figuren herzustellen? Wir werden hier in eine Welt geführt, in der Zwittergestalten, groteske Ungeheuer, Kobolde und schaurige Geschichten nicht zu leugnen sind. Was aber ist mit uns selbst? Wenn man sich die Welt ansieht, auch die Welt von 2014, bald 500 Jahre danach, stoßen wir nicht auch auf seltsame Verwandlungen, auf eine Welt schrecklich-schö­ner Ver­wand­lungs­bil­der? Auf eine seltsame Morphologie.

Jetzt versteht man besser, warum der Erbauer, Fürst Orsini, das Ganze als eine „vagabundierende Welt“ bezeich­n­ete. Alle Gestalten sind in Bewegung. Auch der heilige Wald ist in Bewegung. Ich denke hier an die Morphologie der Paradoxien, an Störungsform als Kriterium für Kunst, an die seltsamen Waldmythen bei J. Frazer, die für Sigmund Freud zum Anstoß wurden für die Mythen der Psychoanalyse. In diesem Wald wimmelt es nur so von mythischen Gestalten, von dramatischen Wendungen zwischen Himmel und Hölle.

Aber jetzt nur nicht in Symbolen versinken. Eine Beschreibung zeigt, dass die Besucher Spaß haben am Hin und Her. „Na sowas“ wird zur Kunsterfahrung. Da bricht Psychästhetisches auf: Fremdes kann doch sehr nah sein, die Welt kommt uns nahe durch Verrücken, durch Anderes kommen wir uns nah. Fragen tauchen auf. Ist unsere Welt wirklich so gemacht? Die über 30 Figuren des Parks fragen uns, ob die Welt anders gemacht sein könnte? Was ist normal, was ist abwegig, was darf sich erhaben nennen, wann kann sich das ins Komische wenden? Ja, das ist es, überall stellt uns Bomarzo Übergänge vor Augen. Hier wird der Mensch wieder zu einem Spieler, der an den Gestalten, die er herstellt, immer weiter drehen muss, bis zum Überdrehen hin.

Ein gewagter psychologischer Gedanke kommt am Rande auf. Kurze Zeit vor dem Park hatte Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle die erhabenen Heroen des Welt­ge­richts dargestellt. Klassisch. Orsini kannte sie sicher. Seine Frau stammte aus der Familie des Papstes. Vielleicht ist das hier auch eine Parodie der Welt der heroischen Gestalten, des Erhabenen, des Göttlichen, der göttlichen Komödie.  

Erneut kommt alles aus dem Vagabundieren heraus und geht wieder in das Vagabundieren zurück. Ein Elefant wird ein Turm. Eine Schlange fliegt. Ein Brückenbogen geht ins Leere. Als sei die Verwandlungsmorphologie der Übergänge zu Stein geworden. Paradox. Auch das ist erhaben und komisch zugleich. Immer wieder tritt dem Besucher die Gestaltbildung entgegen, als eine Gestalt im Werden in einer vagabundierenden Welt. Alles ist in Unruhe, nichts ist da für ewig. Offenbar hatte der Fürst von Bomarzo mit sei­nem Vagabundieren einen treffenden Namen für den seltsamen Park seiner wie auch unserer Wirklichkeit gefunden.

In allem bringt Bomarzo eine sinnlich-anschauliche Bilddarstellung des morphologischen Konzepts zum Ausdruck. Lange bevor Wilhelm Salber es ausarbeiten konnte, machte Bomarzo die Verwandlung von Gestalten in Stein sichtbar und brachte sie zugleich in Umsatz. Materialbewegungen. Das strahlt eine paradoxe Unruhe aus, die weiter zergliedert und entwickelt werden will. Morphologie und Kunst, das ist Zwei-Einheit, Brechung, Umsatz, Austausch. Bomarzo bringt den Übergang von bewussten und unbewussten Mustern in den Blick. In Verrückungen, in Fehlleistungen, in Verrätselungen, in brutalen Urphänomenen einer zauberhaften Realität. Das spielt an auf die Grund­tat­sa­chen, die auch eine Psychologische Morphologie herausstellt.

Doch bei aller Lust am Vagabundieren steht da auf dem Berg ein Kunstwerk, abgehoben vom blauen Himmel, erha­ben und es macht Staunen. Eine Kapelle in der Ferne, klassisch wie ein Tempel, jedoch ohne Altar und mit Tierkreiszeichen ausgeschmückt. Es ist der Begräbnisort der Frau des Fürsten und für die Beiden, die den Park wieder auferstehen ließen. Eine eigentümliche Einheit von Leben und Kunst, von Leben und Tod, von Paradox und Gestalt. Das bleibt, auch wenn der Besuch in Bomarzo lange vorbei ist.

In Bomarzo wird uns eine Morphologie vor Augen gestellt, die Spaß daran findet, in der Wirklichkeit zu „vagabundieren“. Bomarzo ist ein skurriles Kunstwerk, das Seelisches greifbar macht, wenn nur beschrieben wird, was sich zeigt. Was mir besonders auffiel ist, dass die Wirkungsqualitäten von Aneignung und Umbildung im Umgang mit dem Figurenpark unmittelbar spürbar werden. Verspürt wird auch, wie sich Ganzheiten als etwas Schräges und als ein Dazwischen auszubreiten suchen; stets verbunden mit der Frage an den Besucher, ob sich das in der Realität der Werke erproben lässt. Nicht zuletzt auch an der Morphologie des seelischen Geschehens. Sechs Jahre nach ihrer Fertigstellung und kurz nach den Wirkungseinheiten zog es Wilhelm Salber um 1970 nach Bomarzo. Das Ganze der Wirklichkeit drängte auf Steigerung und Intensivierung. Konkret.

 Auch das ein Lebenselixier. Danke Wilhelm.

*  Veröffentlichung in anders 20/2014 anläßlich des 50 jährigen Jubiläums der "Morphologie des seelischen Geschehens" (W. Salber, 1964)